Muspilli Rökrökr Mashup

vinyl release concert

Donnerstag, 3. Oktober 2019, Ballhaus Berlin, Chausseestraße 102, 10115 Berlin

2018 montierte Bert Papenfuß den 1995 entstandenen Polit-Rap rökrökr und den 1999 geschriebenen Mahnruf muspilli spezial ohne ersichtlichen Grund zum Refrainmonstrum Muspilli Rökrökr Mashup, den er mit etlichen mehr oder weniger sachdienlichen Fußnoten versah, die versuchen, den Zeitgeist der Entstehungszeit beider Poeme plausibel zu machen, eigentlich aber nur die Komplexität der seit 1995 andauernden Problemlage vertiefen – und in gelungenen Passagen darüber hinausweisen, wenn auch in Richtungen, die nicht jedermanns Sache sind.
Papenfuß’ langjährige Kollaboranten der Bands Tarwater und Herbst in Peking vertonten den von Ines Burdow, Rex Joswig und Bert Papenfuß gelesenen Text, hörbar auf der SCHÄDELREIGEN genannten A-Seite des Doppelalbums. (Achtung, lesen Sie die Auslaufrillengravuren!) Die B-Seite ERDIGE NACHLESE füllt eine A-capella-Version des fast vollständigen Fußnotentextes, verlesen vom Ensemble Sockenschuß, bestehend aus den nämlichen der A-Seite, ergänzt um Jule Böwe, deren Stimme wenigstens ein bißchen Übersicht in die Willkür der Dramaturgie und Rollenverteilung bringt.
Die C-Seite NIEDERSCHLÄGE bietet Beifänge aus der laufenden Produktion des Berliner Duos !The Same mit Konsonantisen von Bert Papenfuß, dessen Stimme sich überschlägt und bricht, erstaunlicherweise wiederbelebt und selten normalisiert. Ein Vokalist ist er jedenfalls nicht. Bemerkenswert der Sprechgesang Die Werwölfe von Weißensee – der ebenso wie das plattdeutsch rezitierte Mernach, Späukentiet aus der neuen Reportagensammlung Abriß! von Papenfuß stammt –, bei dem Ann Cotten gryphisch mitwispert. Wußte sie, worauf sie sich da eingelassen hat?
Die abschließende D-Seite LACHENDE GREISE beginnt mit einem Brett des Duo Elektrokohle – i. e. Rex Joswig und Frank „Trötsch“ Tröger (1958-2015) – aus dem Jahre 1992, später umbenannt in Muspilli Jah War, diesmal mit Textzitaten garniert. Es dient als Intro zur stoischen Instrumental-Zen-Meditation Somnambul Doom der altvorderen (Künstler und) Musiker Bob Rutman (* 1931) und Zam Johnson; das letzte Wort behält jedoch Papenfuß, es lautet: „ihr wißt, was euch quält“ – und ist ein Zitat aus dem auf der NIEDERSCHLÄGE-Seite zu hörenden Im Tee ums Karree, und wird dort ergänzt durch die Formulierung: „äußerlich herrschaft / innerlich knechtschaft“. Dem ist nichts hinzuzufügen, jedenfalls nichts prinzipiell Kritokritisches.
Ausgestattet ist das Album mit einem vollständigen Textabdruck des Muspilli Rökrökr Mashup und einem Einleger, der sämtliche Fußnoten dazu enthält. Das Titelbild und andere Elemente der Artwork stammen von dem Maler und Tarwater-Musiker Ronald Lippok. Die Namen aller Mitwirkenden sind akribisch aufgeführt, dagegen ist nichts einzuwenden, auch wenn dies wahrscheinlich dazu dient, die Verantwortung für dieses Elaborat auf möglichst viele – vorgeblich sympathisierende – Schultern zu verteilen. Dank gilt den Mittäterinnen für die vergebliche Liebesmüh bei der Ausarbeitung sozialer Kenntlichkeit, speziell auch dem Ansinnen, einem Publikum, das gegen sich selbst verschworen ist, auf die Sprünge zu helfen.